Noten vonnöten? – Verwertbarkeit

Auf dem Zeugnis unserer Auszubildenden steht nur in einem Feld keine 1. Bei den versäumten Stunden. Dort steht eine Null.

So sprach vor langer Zeit ein mir bekannter Ausbilder. Den Namen der besagten Auszubildenden weiß ich noch immer. Ihre Noten waren beeindruckend (und spiegelten irgendwie auch diesen Menschen wider).

Eine andere mit jedem Ausbildertreffen wiederkehrende Anekdote ist das vorgetragene Desiderat nach übersichtlichen Lernfeldzeugnissen. Oftmals – wenn Lernfelder noch nicht abgeschlossen sind – finden sich in den entsprechenden Kästchen zwecks Ausweis einer Note irgendwelche kryptographischen Punkte, Striche oder Sternchen. Der Wunsch der Ausbilder geht aber durchaus in Richtung einer möglichst schnellen (und auch klaren) Einordnung des Progresses ihres Auszubildenden. Eigentlich verständlich, zumal die Unternehmen ja auch die Auszubildenden entlohnen. Da möchte man schon wissen, ob der eigene Schützling in der Schule nur die Anforderungen erfüllt oder neue Maßstäbe setzt.

Natürlich ist das anekdotisch und es liegt mir fern, von meinen paar Erlebnissen auf eine Gesamtheit zu verallgemeinern. Wozu auch? Das macht das BIBB für mich ja hier. Das Fazit ist meines Erachtens durchaus lesenswert, wenn man sich schon nicht die Umstände machen möchte, das ganze Papier zu lesen. In kurz: Die Noten des Schulabschlusses scheinen ein akzeptabler Indikator für die Note in Grund- und Hauptstudium sowie in der Ausbildung zu sein.

Es sei erwähnt, was ich nicht vergessen habe: Über Noten mit all ihren Problemen wird korrekterweise diskutiert und für nicht extrem interessierte Kollegen mag die Zusammenstellung der Bundeszentrale für politische Bildung Aufschluss und Anregung genug dazu geben.

Verwertbarkeit – der geneigte Leser hat vielleicht lange darauf gewartet – kann als eine sehr unsensible Formulierung aufgefasst werden. Ich denke darüber auch immer wieder nach – ganz so wie beim Wort „Humankapital“1. Dennoch erscheint mir dieses Wort nicht so einseitig negativ. Gerade vor der heute kurz umrissenen historischen Entwicklung von Zeugnissen und Zeugnisnoten, könnte man sich durchaus auch vorstellen, dass ein Zeugnis in der Welt, in welcher der einzelne Schüler nun einmal lebt und welche kurzfristig und unmittelbar von ihm nicht in hinreichendem Maße veränderbar ist, eine Eintrittskarte in bestimmte Bereiche des Berufslebens darstellt, die sich der Schüler gemäß Art. 12 GG selbst wählen darf. Dass dabei eine Selektion stattfindet, erscheint durchaus sinnvoll, erhält das einzelne Individuum doch durchaus seinen Platz in einer Gesellschaft, deren Normen seinen Weg leiten und es im Idealfall an einer Stelle plazieren, an welcher es keine Über- oder Unterforderung erfährt. Natürlich ist immer wieder zu fragen, wie dieser Selektionsmechanismus sinnvoll und human gestaltet werden kann. Das hat jedoch nicht zuletzt auch mit einer „Kosten-Nutzen-Abwägung“ zu tun.2

Eines aber ist sicher:

Dass Noten nichts aussagen, ist falsch.

  1. Wer Lust auf abgefahrende imperialistische Ökonomik hat, der kann sich ja mal am Nobelpreisträger Gary S. Becker versuchen, der den Wert von Ehen und Kindern ökonomisch ausdrückt: Becker, Gary S.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, 2. Aufl., Tübigen 1993.
  2. Wobei mit „Kosten“ nicht lediglich „Geld“ gemeint ist, sondern ebenso ein Zeiteinsatz seitens der Lehrer/Beurteiler, der ggf. nicht durch hinreichende Mittel/Kapazitäten unterfüttert wäre, o.ä.

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