Die „leader/follower dichotomy“ im Schulkontext

Gedanken über Führung beginnen in einem deutschen Kontext zunächst einmal damit, dass das Wort „Führer“ in dieser Sprache historisch so vorbelastet ist, dass man sich an eine Natürlichkeit des Führers zunächst wieder gewöhnen muss.

In den vergangenen Tagen liefen mir während des Sinnierens über Führung die Worte des VISA-Gründers Dee Hock häufiger über den Weg. Als ich heute über seine leader/follower dichotomy stolperte, wollte ich diese Idee in deutsche Worte fassen, um sie mir zugänglicher zu machen. Das liest sich nun wie folgt:

Die Führer-Nachfolger-Dichotomie

Die Idee eines Führers setzt Nachfolger voraus. Der Nachfolger setzt eine Wahl (nachzufolgen) voraus. Jemand, der zu gewissen Absichten, Zwecken oder Präferenzen eines anderen gezwungen wird, ist kein Nachfolger im Wortsinn, sondern ein Gegenstand von Manipulation. Diese Relation wird ihrem Wesen nach auch nicht verändert, wenn die Beteiligten einwilligen, dass der eine über den anderen herrsche. Ein wahrer Führer kann nicht zum Führen gezwungen werden. Ein wahrer Nachfolger kann nicht zum Folgen gezwungen werden. In dem Moment, wo ein Zwang stattfindet, sind sie nicht länger Führer und Nachfolger. Wenn das Verhalten einer der beiden Seiten erzwungen ist, ob durch Gewalt, ökonomische Notwendigkeit oder Vertrag, wird im selben Moment die Beziehung in eine von Vorgesetztem und Untergebenem, Manager und Angestelltem, Herrn und Diener oder Eigentümer und Sklaven verändert. All diese Beziehungen unterscheiden sich dem Wesen nach von der des Führers und des Nachfolgers.

Induziertes oder herbeigeführtes Verhalten ist der Kern des Konzeptes von Führer und Nachfolger. Erzwungenes Verhalten steht im Mittelpunkt aller anderen relationalen Konzepte. Wo ein Verhalten erzwungen wird, wird man Gewaltherrschaft finden, wie harmlos oder unterschwellig auch immer. Wo dagegen Verhalten induziert bzw. angeregt wird, da findet man Führung, wie machtvoll auch immer. Führung impliziert nicht notwendigerweise konstruktiven, ethischen und offenen Umgang. Es ist durchaus möglich, ein destruktives, bösartiges und hinterhältiges Verhalten zu erzeugen – und das ebenfalls mit verwerflichen Mitteln. Daher sollten im Kern einer jeden Beziehung in jeder Institution eine durch alle Beteiligten hervorgebrachte und geteilte klare, konstruktive Absicht und ebensolche überzeugenden ethischen Prinzipien stehen.

Es ist eine entscheidende Frage, wie man sicherstellt, dass die führenden Personen konstruktiv, ethisch, offen und ehrlich sind. Die Antwort lautet: Folge nur denjenigen, welche sich auf diese Art und Weise verhalten. Letzten Endes, sowohl im individuellen wie auch im kollektiven Sinne, führen die Nachfolger durch ihre Wahl, wohin sie geführt werden wollen. Wohin eine Organisationseinheit geführt werden wird, ist untrennbar verbunden mit den von ihren Mitgliedern geteilten Werten und Überzeugungen.

(Quelle: Eigene Übersetzung dieses PDFs, S. 2f., Zugriff: 10. Februar 2018.)

Im Schulkontext

Man könnte aus dieser Idee Hocks durchaus schlank eine Fundamentalkritik am System Schule und den internen Beförderungsmöglichkeiten ableiten. Gedanklich kam mir dies:

  • Nachfolger wählen den Zielpunkt der Führung durch ihre Bereitschaft zum Folgen selbst.
  • System Schule:
    • Nachfolger (Lehrer) sind sich dem zugrunde liegenden Konzept der Wahl (bspw. Schulleitung) allzu selten bewusst.
    • Nachfolger haben nur eine sehr begrenzte Wahlmöglichkeit (bspw. Schulleiterwahlausschuss).
    • Abteilungs- und Schulleitungen werden nahezu unkündbar in ihre Positionen befördert -> Wahlmöglichkeit der Nachfolger erlischt formal, aber nicht materiell
    • Daraus folgt ein Führungsvakuumspotential.
    • Der formale Führer könnte dann nicht der materielle Führer sein.
    • Die Nachfolger folgen dann nicht mehr. Vielleicht tun sie etwas, aber es ist nicht mehr „folgen“ im Hock’schen Sinne.
  • Aus ethischen Gründen ist eine Kündbarkeit anzustreben.
  • Eine Kündbarkeit müsste so gestaltet sein, dass sie nur „von innen“, d.h. aus der Institution heraus erfolgen kann.
  • Dann würden zu jeder Zeit formale und materielle Führung übereinstimmen (können).

Diese Überlegungen sind fraglos rudimentär. Aber Hocks luzide Überlegungen zeigen hier auf, was wahre Führung und wahre Nachfolge ist. Gleichzeitig ist es erfrischend wenig anprangernd, denn – versteht man Dee Hock korrekt – dann sind die Arbeitnehmer ihre eigenen Führer und wählen sich Freud und Leid selbst. Lediglich die (mehr oder weniger) Unkündbarkeit gerät, Hock folgend, tatsächlich an den Pranger.

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