Digitale Transformation beruflicher Schulen

Vergangene Woche fiel mir ein Artikel von Prof. Dr. Karl Wilbers vor die Füße. Dieser trug den Titel „Digitale Transformation beruflicher Schulen: Gestaltungsbereiche, Transformationskonzepte und Leitfragen“ und wurde in der VLW-Zeitschrift „Wirtschaft und Erziehung“ veröffentlicht. Vermutlich kann die aktuelle Ausgabe mit dem Artikel bald online abgerufen werden.

Insgesamt fällt mir der Beitrag Wilbers‘ sehr positiv auf, was nicht zuletzt daran liegt, dass er eine umfassende Bestandsaufnahme und Strukturierung des komplexen Gebiets der Digitalisierung an Schulen durchaus gelungen durchführt. Nicht zuletzt ist das Thema auch in meinem Umfeld hochaktuell.

Doch ein zentrales Bild, welches er auf S. 5 einführt und aufgrund dessen er eine Vor- und Nachrangigkeit von Maßnahmen ableitet, macht mich stutzig.

Wilbers formuliert:

Die verschiedenen Bereiche der Gestaltung beruflicher Schulen in der digitalen Transformation beeinflussen sich gegenseitig. Allerdings haben einige Bereiche einen Vorrang (Primat). Vorrangig sind die Bereiche „Unterricht“, „Schulorganisation“ sowie „Recht“. Erst danach kann beispielsweise über die Ausstattung entschieden werden. So würde auch keine Unternehmerin sich eine Werkzeugmaschine in die Halle stellen und danach überlegen, was damit anzustellen ist.

Ja, das stimmt. Niemand kauft sich eine „assembly line“ – um es mal auf die Spitze zu treiben – wenn er noch kein „Model T“ im Kopf hat.

Ich möchte aber vorsichtig anfragen, inwiefern sich ein Fließband und eine Werkzeugmaschine von einem Smartphone unterscheiden. Mir scheint, die Unterschiede sind beträchtlich. Zur Erkenntnis des überragenden Unterschieds sei darauf hingewiesen, dass in der Keynote Steve Jobs‘ vom 9. Januar 2007, in welcher dieser das erste iPhone präsentierte, dieses neuartige Gerät gerade von all jenen „Devices“ abgegrenzt wurde, denen Hardware-Buttons zu eigen waren.

Die überragende Innovation war nachgerade, dass die Hardware durch Softwareanpassungen als eine Art Schweizer Taschenmesser des 21. Jahrhunderts fungierte. Die Nachrüstkosten für eine weitere Funktion eines Smartphones liegen bis heute regelmäßig in den Suchkosten (und gegebenenfalls in den im Preis oft einstellig bleibenden Gebühren) für die jeweilige App, welche die gewünschte Funktion zur Verfügung stellt. Man kann also durchaus sagen:

  • Schüler stellen sich die „Maschine“ Smartphone sehr häufig hin, ohne den späteren Verwendungszweck (genau) zu kennen.
  • Lehrer kaufen sich oft ein Smartphone oder Tablet, ohne den genauen Verwendungszweck in den kommenden Nutzungsjahren schon zu 100 Prozent überblicken zu können.

Wenn wir also von einer 4.0-Welt sprechen, dann sollten wir vermutlich nicht mehr über eine „Maschine“ sprechen, deren Zweck in der Zukunft zu 100 Prozent determiniert ist. (So nebenbei: Das iPhone X hat nun auch schon den „Home Button“ eingebüßt.)

Warum sind diese Gedanken wichtig in der Behandlung der Wilbers’schen Strukturierung?

Herr Prof. Dr. Wilbers geht davon aus, dass zunächst die drei oben beschriebenen Bereiche durchkonzeptionalisiert werden, um sich anschließend einer Gestaltung der Ausstattung und Infrastruktur zu widmen. Während ich hinsichtlich der Wichtigkeit der von Prof. Wilbers angesprochenen drei vorrangigen Bereiche mit ihm übereinstimme, sollten wir das maschinistische Bild in unserem Kopf aber etwas korrigieren. Wir sollten uns die „Schweizer Taschenmesser“ unserer Schüler zeigen lassen, um auszuloten, was bereits jetzt machbar ist. Vielleicht kann man sogar sagen, dass ein gewisses Grundinstrumentarium heute in jedes Schülers Tasche ist:

  • Smartphone
  • Browser
  • PDF-Viewer
  • Kamera
  • Mikrofon
  • Taschenlampe
  • Podcast-Möglichkeit
  • (wie auch immer gearteter) Audio-Ausgang

Dann, denke ich, können wir noch viel schneller und bewusster davon ausgehen, dass der Beginn der Digitalisierung bereits (ohne jegliches Konzept) hinter uns liegt. Schreiben wir also auf, was uns bereits ereilt und machen wir uns nicht vor, dass wir in dieser Rasanz mit allzu viel Konzept arbeiten könnten. Ein Kompetenzkanon für unsere Schüler und Fächer, eine Desideratformulierung an Wartungspersonen innerhalb der Schulen, Deklarationen von Fortbildungsnotwendigkeiten für Lehrkräfte und konsequentes Leben mit BYOD – das könnte doch eine übergangsfähige Lösung darstellen.

Ich sehe allerdings eine große Finanzierungslücke am Horizont…

Natürlich geht Herr Wilbers in seinem Artikel davon aus, dass gerade kein BYOD praktiziert wird. Das sollte man hier durchaus erwähnen. Mir fällt dabei aber eine gewisse Ineffizienz auf: Mein eigenes Smartphone, mein Tablet und meinen Laptop kenne ich in- und auswendig. Ich kann damit (fast) alles anstellen. Ganz anders sieht es aus, wenn ich an schulischen Systemen arbeiten muss. Ein Beispiel: Der Klausurmodus unserer ausgeklügelten EDV-Softwarelösung. Dieser wird nur extrem selten genutzt (ich nutze ihn also nur sehr sporadisch), ob ich Fehler in der Anwendung mache, sehe ich, wenn die Schüler etwas monieren (ich benötige also regelmäßig weitere Personen, um das zu testen). Allein diese zwei Faktoren sind schon echte Hinderungsgründe, um mit der Software „warm“ zu werden. Aber ich kann diese Software auch nicht zuhause ausprobieren. Ich bleibe daher fast dauerhaft ein Anfänger hinsichtlich dieses Systems, was es für mich unangenehm macht, denn es ist frustrierend, wenn es zu jeder Klausur stressig wird. Es gibt unzählige weitere Beispiele (die hier nun nicht genannt werden sollen), in denen es von Vorteil ist, seinen eigenen Rechner zu verwenden.

BYOD und rigoros plattformübergreifendes Arbeiten kann daher nur als die stärkste und nachhaltigste Lösung betrachtet werden, denke ich.

Um Verbesserungen und Korrektur wird gebeten.

Quelle:

Wilbers, Karl: Digitale Transformation beruflicher Schulen: Gestaltungsbereiche, Transformationskonzepte und Leitfragen, Wirtschaft und Erziehung, 2018, S. 4-8.

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