Lehrer, Digitalisierung und Personalrat

Heute durfte ich Teil eines kleinen Diskurses hinsichtlich Ermöglichung und Verhinderung von Digitalisierung im Schulkontext sein. Im Fokus stand dabei die Betrachtung der Aktivitäten der Personalräte, welche offensichtlich mancherorts als Hemmnisse der digitalen Transformation an Schulen gesehen werden. Dazu nur ein paar Gedanken, um bei Gelegenheit darauf zurückgreifen zu können.

Auslöser des Diskurses war folgender Blog-Artikel des Axel Krommer, dessen Vita mir mit ihren Stationen im übrigen extrem sympathisch daherkommt. In der Tat ist die Lektüre der öPR-Info aus Karlsruhe aus dem Jahr 2017 sinnvoll. Darin (etwas verbessert):

Lehrer sind nicht verpflichtet, digitale Medien dienstlich zu nutzen.

Augenmerk legt der öPR hier nicht nur auf dienstliche Emails, sondern ebenfalls auf die typischen Informations- und Kommunikationsplattformen (z.B. Moodle, Schulnetze, Clouds). Es sollen Kollegen – so der öPR – keine Nachteile durch die Nichtnutzung dieser Kommunikation entstehen. Herr Krommer geht hier sprachlich sehr schön auf die interessante Formulierung ein, bleibt mit seinen Ausführungen allerdings auf einer theoretischen Ebene, die ich extrem schätze und über die ich mit ihm gern einmal tiefer ins Gespräch käme. Er führt aus, dass nicht digitale Kommunikationswege Nutzende nicht passiv sind und sogar gerade dadurch einen Nachteil erleiden, dass sie nicht an digitaler Kommunikation teilnehmen. Sein Beispiel ist einfallsreich gewählt und hat dadurch auch einen gewissen Charme.

Allerdings könnte man vielleicht sagen: Was, wenn die nicht digitale Kommunikationswege Nutzenden von dieser Art Nachteil gar nicht Notiz nehmen? Dann träfe sie (zumindest emotional) auch kein Nachteil. Dagegen träfe sie der Nachteil der verpflichtenden Teilnahme an digitaler Kommunikation (emotional) sofort. Wir müssten hier also – da weichen Herr Krommer und ich in unserer Vita voneinander etwas ab – weniger sprachlich als vielmehr nutzentheoretisch ansetzen. Für meine Kollegen, die nicht digital kommunizieren wollen, würde ihr Nutzen sinken, da digitale Kommunikation gegen ihre Präferenzen verstieße. Eine Bevormundung zu digitaler Kommunikation – so meine persönliche These – würde in einem Systemkontext, in welchem eine Quasi-Unkündbarkeit herrscht, einen dermaßen großen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, dass es meines Erachtens sinnvoll erscheint, davon Abstand zu nehmen.

Überdies hat Herr Krommer zwar vollkommen recht, dass die oben verlinkte öPR-Info ein Hemmnis für Digitalisierung darstellt. Dies allerdings bezieht sich meines Erachtens zuvorderst auf den Workflow von Schul- und ggf. Abteilungsleitungen. Diese müssten nämlich – hier wird der letzte Punkt der Ausführungen des öPR Karlsruhe relevant – differenzieren zwischen die digitale Kommunikation Bejahenden und den solche Verneinenden. Vielleicht wäre das möglich (denn auch Lehrer differenzieren mittlerweile in ihrem Unterricht). Zugegeben: Digitale (administrative) Kommunikation wird dadurch mittelbar erschwert. De facto handelt es sich hier aber um eine Ermöglichung digitaler administrativer Kommunikation, das sollte nicht vollkommen unter den Tisch fallen, vgl.

Für den Großteil der Lehrkräfte, die eine elektronische Kommunikation billigen oder sogar selbst daran interessiert sind, ist eine in der schulischen Praxis bereits eingeführte elektronische Übermittlung über Informations- und Kommunikationsplattformen weiterhin problemlos möglich.

Und hieraus folgere ich folgendes:

    • Die Personalräte in Karlsruhe hatten offensichtlich digitale Pioniere wie auch „die anderen“ im Blick, als sie dieses Papier verfassten.

    • In der „freien Wirtschaft“ gibt es derlei Formulierungen nicht, wie Jan Hambsch im oben gezeigten Diskurs korrekt formulierte. Aber es gibt in der „freien Wirtschaft“ auch keine Quasi-Unkündbarkeit, keinen Vertretungsunterricht in der 1./2. Stunde am kommenden Schultag, kein WLAN-Problem, einen betrieblichen Computerarbeitsplatz etc. Allerdings gibt es durchaus auch die Privatsphäre Schützendes: Hier, hier und hier. Frankreich hatte bislang wohl noch nicht so viel Glück mit dieser Regelung.
    • Müssen Personalräte also hinsichtlich Digitalisierung stärker geschult werden? Vielleicht. Personalräte haben vielfache Aufgaben (Dienst- und Besoldungsrecht, Einstellungen, Pensionsberechnungen, Einordnung in Erfahrungsstufen, Zusammenarbeit mit Gleichstellung und Datenschutz, Umstrukturierung auf Schulebene begleiten, Stunden aus dem pädagogischen Pool mitverwalten …) für die sie meistens mäßig entschädigt werden (1 Std. pro Woche bei 2 Unterrichtsstunden Sprechstunde pro Woche per se, d.h. ohne zusätzliches Aufkommen) – jedenfalls ist das in Schleswig-Holstein so. Für diese Aspekte werden die Kollegen also primär geschult. Ein Desiderat bleiben Schulungen zu Digitalisierung. Allerdings würde ich da anderes als noch wichtiger ansehen – und das, obwohl ich Digitalisierung extrem interessant finde.

  • Der Diskurs unter Microbloggern ist tendenziös! Ja, sorry, ich gehöre auch zu denen, aber ich bin auch Personalrat. Und die Ideen, welche die Microblogging-Digitalisierungs-Community teilt, ist nicht zu 100% deckungsgleich mit Bedürfnissen und Forderungen des Gesamtkollegiums. Muss ins Digital-Stammbuch. Steht jetzt auch drin.
  • Personalräte sollten also bei der Formulierung von Dienstvereinbarungen gewappnet sein, vernünftig und klug zu formulieren. (HEY, wie wünscht sich die Twitter-Community denn eine Formulierung, so dass bestmöglich digitalisiert werden kann, ohne dabei diejenigen zu ZWINGEN, die nicht digital kommunizieren möchten? Es gibt hier eine Kommentarfunktion. Ich ermutige zur Nutzung.) Dienstvereinbarungen müssen digitale Kommunikation ermöglichen und auch implizite Hemmnisse vermeiden, sollten aber niemanden zur Digitalisierung zwingen (siehe persönlichen Nutzenverlust und volkswirtschaftlichen Schaden oben).

Ich hoffe, das ist hinreichend konstruktiv formuliert, versöhnt vielleicht auch den einen oder anderen und schafft die nötige kollegiale Solidarität für eine gelungene Gestaltung der digitalen Transformation an Schulen. Deutlich werden sollte, dass es im Bereich der Digitalisierung an Schulen auf eine Ermöglichung und nicht auf ein Diktat ankommt, was mir im übrigen auch Konsens auf Landes- und Bundesebene zu sein scheint. Im der Digitalisierung positiv gegenüberstehenden Personalrat schlagen damit zwei Herzen in einer Brust: Er ist persönlich enttäuscht, wenn die Vorteile der Digitalisierung durch Kollegen ausgeschlagen werden und eine infrastrukturelle Weiterentwicklung dadurch verlangsamt wird. Gleichermaßen allerdings ist er Fürsprecher für einen großen Teil des Kollegiums, dessen Informationsstand hinsichtlich digitaler Bildung nicht so hoch ist wie jener der digitalen Pioniere und welcher deshalb die initialen Kosten einer Implementierung scheut. In diesem Sinne beurteile ich aus meiner Sicht die Formulierungen aus Karlsruhe als nicht ungelungen, lasse mich aber (s.o.) gern weiter inspirieren, um derartige Dienstvereinbarungen zu optimieren.

2 Gedanken zu „Lehrer, Digitalisierung und Personalrat

  1. Axel Krommer

    Danke für die differenzierte und kluge Darstellung, die ich gerne gelesen habe.

    Ich glaube, wir liegen gar nicht weit auseinander. Denn bei dieser (zentralen) Frage

    „Was, wenn die nicht digitale Kommunikationswege Nutzenden von dieser Art Nachteil gar nicht Notiz nehmen? Dann träfe sie (zumindest emotional) auch kein Nachteil. Dagegen träfe sie der Nachteil der verpflichtenden Teilnahme an digitaler Kommunikation (emotional) sofort.“

    gibt es gar keinen Dissens. Ich glaube auch, dass die Verweigerer subjektiv keinen Nachteil sehen, wenn sie digitale Medien nicht nutzen. Objektiv entsteht er jedoch sehr wohl. Und genau das ist ein Indiz dafür, dass hier die zwei Welten (=Buch-Schule vs. Kultur der Digitalität) aufeinanderprallen.

    Und nur um die Spannungen zwischen diesen beiden Paradigmen (Gutenberg vs. Turing) geht es mir. Daher auch die abstrakte theoretische Ebene. Ich will keine Kollegen oder Personalräte ins Visier nehmen, sondern auf die gesellschaftlichen Spannungen in den Zeiten der Krise hinweisen. Dass da jemand als „Betroffener“ gilt, wenn er digitale Medien nutzen soll, ist vor diesem Hintergrund ein schönes Beispiel.

    1. mstammeier Beitragsautor

      Danke für den Kommentar. In der Tat sind wir nicht weit voneinander entfernt. Ich gehe durchaus komform.

      Bei folgender Stelle fällt mir etwas auf, was mich mit dem Indiz noch nicht mitgehen lässt:

      „Und genau das ist ein Indiz dafür, dass hier die zwei Welten (=Buch-Schule vs. Kultur der Digitalität) aufeinanderprallen.“

      Mir scheint, dass die Idee, ein Individuum nähme eine kurzfristige Nutzenänderung viel deutlicher wahr als eine langfristige, recht universelle Gültigkeit besitzt. Folgende Durchsetzbarkeiten ergeben sich nach dieser Idee:

      1. kurzfristig nutzenstiftend – sehr leicht durchsetzbar
      2. langfristig nutzenstiftend – benötigt Erläuterung, mäßig durchsetzbar
      3. langfristig nutzenmindernd – fast gleich durchsetzbar wie 2.
      4. kurzfristig nutzenmindernd – nicht, oder nur unter größtem Protest durchsetzbar

      Die Spannungen zwischen den zwei Paradigmen scheinen mir korrekt diagnostiziert. Sie passen nutzentheoretisch exakt. Wenn Kollegen den sofortigen Nutzen und die einfache Machbarkeit digitaler Methoden präsentiert bekommen, springen sie in den allermeisten Fällen sofort an. Mein Plädoyer lautet daher für die Praxis: pragmatisch vorgehen, interne Mikroschulungen von ca. 30 Minuten für interessierte Kollegen, um sie für Digitales zu gewinnen.
      Die administrative Ebene muss unabhängig davon ermöglichend durch die Gremien gestaltet werden.

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