Lehrer und Datenschutz – Ein Dilemma

Bestandsaufnahme

Datenschutz an Schulen nervt! Nicht nur die Datenschutzbeauftragten sind genervt, weil sie allzu oft als Prellbock für Kollegenunmut herhalten müssen. Auch die Schulleitungen sind genervt, da man sich mit einem Datenschutzverstoß sofort empfindliche Probleme ins Haus holt und ausufernde Arbeit produziert. Zuletzt und zugleich zuvorderst, da im Alltagsgeschäft täglich davon betroffen, nimmt der Datenschutz das Nervengerüst der Kollegen regelmäßig in Anspruch.

In den vergangenen Monaten, eigentlich schon seit dem Durchsickern des KMK-Papiers „Bildung in der digitalen Welt“ seit 2016, hat der Schuldatenschutz gefühlt ein neues Relevanzniveau erhalten. Wer mehr digitalisiert, muss offensichtlich umso stärker auf den Schutz persönlicher Daten achten. Die neueste Unterstreichung dieser Idee findet sich im Super-GAU „Cambridge Analytica und Facebook„. Wer davon nichts mitbekommen hat, der kann sich die Ausführungen des Whistle-Blowers hier noch einmal ansehen.

Nach Citizenfour gibt es also wieder vom Guardian auf den digitalen Deckel, diesmal in einer anderen Dimension, aber beide Fälle schreien laut:

Ein rigider und offensiv vorgetragener Datenschutz ist notwendig!

Es ist das uralte Lied von Freiheit vs. Sicherheit, welches nun in den Schulkontext übersetzt folgende Frage aufwirft:

Welchen Umfangs sollte der Schuldatenschutz sein, um Praktikabilität digitaler Bildung weiterhin zu gewährleisten?

Rückblende

Auf einer Lehrerkonferenz im Lande Schleswig-Holstein wird im Jahr 2012 die iOS-App TeacherTool vorgestellt. Die meisten Leser wissen: Sie verwaltet Schülerdaten (Noten, Bilder, Sitzpläne, Klassenbuch). Der Datenschutzbeauftragte äußert Bedenken. Das Land Schleswig-Holstein verbietet die App. Für den nutzenden Lehrer ist das natürlich nicht sofort ersichtlich, denn TeacherTool wird über den damals meist 4-stelligen iOS Geräte-Code gesichert und zusätzlich durch einen frei wählbaren App-Code innerhalb TeacherTools. So gesichert erscheint es dem versierten Lehrer nicht ersichtlich, warum das nicht sicher sein sollte. Das rechtliche Problem bestand zunächst darin, dass das damalige Handbuch Schuldatenschutz aus dem Jahr 1998 datierte – also 9 Jahre vor dem ersten iPhone. Google war damals 1 Jahr alt. Ich kannte die Suchmaschine damals noch nicht. Alles, was diese Richtlinie vorsah, war der „häusliche Rechner“, den heute so gut wie niemand mehr hat. Wir nutzen portable Geräte wie Laptops, Smartphones und Tablets.

Und heute?

Ich durchsuche also heute das Handbuch Schuldatenschutz (vom 10. November 2009 übrigens) nach folgenden Begriffen: iOS, iPhone, iPad, Smartphone, Tablet, Laptop. Nur letzterer Begriff wurde gefunden – 2 Einträge auf 217 Seiten.

Auf der aktuellen Website des ULD (Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz) finden sich unter den FAQ keine Treffer für „Smartphone“, „iPhone“, „iPad“, dafür aber für „Tablet„. Vorgesehen scheint hier ein Mobile Device Management der Schule, d.h. also der Fall, dass die Schule klassensatzweise Tablets anschafft und dann konsequent verwaltet. Fragen dazu: Wer soll das administrieren? Gibt es dafür die finanzielle/personelle Mittel? Für den Fall, dass man ein BYOD-Setup bevorzugt, muss man sich allerdings durchfragen. Hm. Hemmnis.

Mir scheint, dass das, was ich im Praxishandbuch Schuldatenschutz lese, überhaupt nicht mehr praktikabel ist. Kein einziges Wort über iOS, Smartphones, iPhones oder iPads und Tablets! Gleichzeitig ermahne ich meine Schüler, ihr Mobilgerät nur auf Kommando zu nutzen, da sonst die Konzentration leidet (vgl. hier). Meine Schüler haben das Handbuch Schuldatenschutz längst rechts überholt!

Dilemma

Angesichts dieses stehengebliebenen Verständnisses des Schuldatenschutzes bin ich Verfechter der These, dass im Moment noch großzügig weggesehen wird. Wer kennt schon die §§ 18 und 19 der SchulDSVO, die von Britta Ernst am 5. Juni 2015 unterzeichnet wurden? Welche Devices dürfen eigentlich nach diesen Paragraphen genutzt werden? Anruf beim ULD. Ansprechpartner am Freitag wieder im Haus. Kein Vorwurf. Dennoch: Hemmnis. Welcher Lehrer aus Schleswig-Holstein kennt das an die SchulDSVO angehängte Belehrungsformular (oder hat es nicht zumindest wieder vergessen)? Welcher Schulleiter hat das seinen Lehrern zukommen lassen? Wer hat schon für die private Datenverarbeitung alle 4 Schuljahre (So müsste es sein!) ein Dokument unterzeichnet? Wer liest regelmäßig im Handbuch Schuldatenschutz? Lehrer? Schulleiter?

Und trotz allen Unmuts:

Wie ernst nähme ich Datenschutz, ginge es um mein Kind?

Das lassen wir jetzt mal nachhallen. Mehr kommt später.

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