Lehrer und iPad Pro – Die 10 Gebote des Homo Digitalis

Beginnen wir dies mit einer kleinen Anekdote: Vor kurzem saß ich in einem Meeting, bei dem wir Kollegen anfangs ein paar spöttische Bemerkungen austauschten, als eine Kollegin auf die sehr gekonnt frotzelnd vorgetragene Kollegenaussage mit einer auf meine Schulter gelegten Hand aussprach: „Oh, das ist aber nicht nett.“ Und ich ergänzte: „Die Susanne* fühlt sich gerade stellvertretend für mich diskriminiert.“

Da hatten wir alle gut lachen und in Wahrheit schmerzte auch nichts.

Bei der Lektüre eines heute in einem anderen Blogartikel erwähnten Buches, namentlich „Homo Digitalis“  von Christian Montag beschlich mich allerdings das Gefühl, dass ich über die digitale Kompetenz etwas ausführlicher nachdenken muss als in der allzu trivialen Diagnose, meine Schüler könnten ihre Smartphones eventuell nicht hinreichend sorgfältig nutzen. Wir, die Kollegen, sind von der Allgegenwart unserer digitalen schweizer Taschenmesser sicher nicht unbeeinflusst. Mir fielen jedenfalls einige interessante Aspekte meines beruflichen Alltags auf, die dieses Buch thematisiert. Gestoßen war ich auf das Buch durch eine Kritik in der WELT von heute, WhatsApp-Gruppen stählen volkswirtschaftliche Effizienz mit durchschnittlich täglich 32 Minuten, welche mit WhatsApp verbracht würden.

Wie aber lauten meine Erkenntnisse – auf die Schule gemünzt – nach Lektüre von Montags Buch?

Und los:

  1. WhatsApp ist nicht nur „Poison im Klassenzimmer“, sondern ebenfalls im Lehrerzimmer oder auf Kollegenfeiern. Deutschland ist weit oben auf der Nutzerliste von Whatsapp. Zwei Drittel aller Deutschen nutzen diese App.
  2. Smartphones liegen immer häufiger auf unserem Lehrerzimmertisch und allmählich steigt die Quote der Anwesenden, die eines dieser Geräte gerade in der Hand halten. Warum das wichtig ist, dass die Geräte auf dem Tisch liegen, folgt weiter unten.
  3. Zum Teil wird durch die Nutzung des Smartphones die Kommunikation unterbunden oder gehindert. (Beispiel: In o.g. Meeting klingelte an einer nicht unentscheidenden Stelle das Telefon einer Teilnehmerin (was nicht stereotyp sein muss, glaubt man den in o.g. Werk zitierten Quellen) und die vor der „Störung“ geäußerte Thematik wurde anschließend nicht wieder oder zumindest nicht in gleicher Form aufgegriffen. Ein anderes Beispiel: Kollegen organisieren sich zunehmend in WhatsApp-Gruppen. Was für die Lehrer-Schüler-Kommunikation offiziell untersagt ist, wird bei Kollegen dennoch getan. Dieses Handeln erscheint inkonsistent und wird dazu führen, dass WhatsApp, ganz gleich, was gesagt wird, von unseren Schülern als normal wahrgenommen wird. Diese klare pädagogische Sicht teilen nun sicher nicht alle Kollegen. Geschenkt. Es wird allerdings etwas störend, wenn diejenigen Kollegen, die sich dem Datenschutz verpflichtet und ihrem Persönlichkeitsrecht nah fühlen, durch die Nutzung von WhatsApp-Gruppen wie selbstverständlich von interner Kommunikation mindestens partiell abgeschnitten werden. Mit Verspätung kommt also das Insider-Outsider-Modell nun in die Schulwelt gekrochen. Ich habe bereits zwei Vorfälle dieser Art erlebt.)
  4. Nur als These: Im Lehrerzimmer/Besprechungsraum/zuhause: Kollegen kommen gegebenenfalls nicht in den „Flow“, sondern verharren entweder in Angst (Überforderung) oder in Langeweile (Unterforderung). Vergleiche das Modell von Csíkszentmihályi (müsste aus der angefügten Grafik selbsterklärend hervorgehen).
  5. Eine These des o.g. Werkes: Der Zusammenhang zwischen Smartphonenutzung und Produktivität könnte so aussehen wie eine umgekehrte U-Funktion.
  6. Ein „auf stumm stellen“ der Devices reicht laut Prof. Montag nicht aus. Die Forschungslage gibt her, dass die Geräte aus dem Gehör, den Augen und somit auch aus dem Sinn sein müssen. An dieser Stelle vgl. Nr. 2. Zudem müssen Schüler (oder vielmehr: sämtliche Betroffene) eine Umkonditionierung weg von übermäßiger Nutzung (vgl. umgekehrte U-Funktion) selbst wollen, ein verordnen hilft also nicht. Ich werde daher meine zuvor gefundene neue Klassenzimmerregel durch die Aufklärung hinsichtlich dieser psychologischen Sachverhalte ergänzen müssen. Da ich mich für die Schüler-Umkonditionierung nicht zuständig fühle, werde ich ihnen lediglich das Handwerkszeug für ihre eigene Umkonditionierung (Erkenntnis dieser Sachverhalte) an die Hand geben. In meinem Klassenraum setze ich die Regeln, welche die Schüler bestmöglich zur Annahme einer bildungsgerechten Haltung führen.
  7. Ein Wort zur Lehrergesundheit: Wenn das Smartphone mit ins Schlafzimmer wandert, wird es die ersten und die letzten fünf Minuten jedes Tages stehlen, so die These Montags. Ich teile diese These. Im schlimmsten Fall, so Montag, kommt abends eine wichtige Email an, die auf Bearbeitung drängt oder des Nachts schlecht schlafen lässt. Überdies vermeiden nicht alle Smartphone-Displays genug blaues Licht. Ergo: Man kaufe einen nicht smarten Wecker und richte das Schlafzimmer als smartphonefreie Zone ein. Ähnliche Zonen ließen sich für ein gelingendes Familienleben zu gemeinsamen Mahlzeiten etablieren.
  8. Mittlerweile fusionieren Betriebssysteme so weit, dass Desktop-Anwendungen für WhatsApp und Email ebenfalls dauerhaft unterbrechende Meldungen auf die Bildschirme senden können. Um nicht auszubrennen ist ein Abschalten zur Stressvermeidung angeraten. Auch dazu liegen stützende Erhebungen vor.
  9. Auch bei mir hat in letzter Zeit mein Smartphone meine Armbanduhr ersetzt. So allerdings bekommt man unwillkürlich beim Uhrzeit sichten auch neue Benachrichtigungen mit. Es wird eine Ablenkung erzeugt. Daher: Auch die nicht smarte Armbanduhr ist ein Freund des digital kompetenten Menschen.
  10. Die Möglichkeit für ein sogenanntes „Mind-Wandering“ durch freie kognitive Zeit, unbeeindruckt von medialer Reizüberflutung sollte regelmäßig gegeben sein.

Das Buch bietet zudem einen interessanten Kurztest, bei dem ich leider schon etwas über dem Median score. Ich sollte jetzt joggen gehen.

*Name von mir persönlich zur Unkenntlichmachung geändert. Ätsch!

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