Lehrer und WhatsApp – Poison im Klassenzimmer

„In der WELT habt ihr Angst“

könnte man diesen Artikel einleiten. Denn im Springer-Blatt oder eher in seinem digitalen Pendant war heute morgen zu lesen:

Chaos statt Ordnung – Das große Übel der Gruppenchats bei WhatsApp (leider WELTplus, daher nicht für jeden erreichbar) — Ich gebe das also als Grundlage im Folgenden kurz wieder.

Inhaltlich: Ein Journalist berichtet in einem Videobeitrag aus seinem Leben (Korrektur: Mittlerweile wird das Video von einem Artikel mit 8 Min. Lesedauer flankiert.). Er vertritt die These, dass in WhatsApp-Gruppenchats, welche häufig aus sehr guten Gründen ins Leben gerufen wurden, auch schon mal binnen kürzester Zeit nur noch Defizitäres publiziert werde. Plakativ schildert der Journalist die Entwicklung der WhatsApp-Gruppe des Fußballvereins, die eigentlich für eine schnelle Kommunikation hinsichtlich der Trainingsausfälle gedacht war. Hier seien plötzlich Katzenbilder und Co. erschienen. Seine These kulminiert in etwa darin, dass der volkswirtschaftliche Effizienzverlust durch die täglich 32-minütige deutsche Durchschnittsnutzung unangemessen sei und – als Sahnehäubchen – dass WhatsApp, so sagten Psychologen, als „Diktat der Dummen“, welche die Leistenden störten, bezeichnet werden könne.

Nun kann man versuchen, das wegzuwischen, insbesondere, wenn man sich die o.g. Worte des Kontext schaffenden Artikels nicht ansieht. Darin allerdings liegt versteckt, warum die Ausführungen der WELT für Lehrer interessant werden – wenn sie ihren Auftrag (Bildung zu ermöglichen!) ernst nehmen.

Der Artikel zeigt insbesondere drei stützende Quellen: Den Ökonom Tyler Cowen, welcher ein Produktivitätsproblem des Westens konstatiert. Den Historiker Yuval Noah Harari, der in seinem Buch „Sapiens: A Brief History of Humankind“ aufzeigen soll, dass ein übermäßiger Gebrauch menschlicher Errungenschaften in der Geschichte immer wieder zu Effizienzverlusten geführt hat. Schließlich – und hier wird es interessant für Lehrer und Schule – geht der Autor auf den Ulmer Psychologie-Professor Christian Montag ein. Dieser hat unter anderem mittels einer Studie in welcher drei Probandengruppen hinsichtlich ihrer Konzentrationsfähigkeit untersucht wurden, herausgefunden, dass – um es kurz zu fassen – diejenigen, die am weitesten weg von ihrem Smartphone waren, auch die beste Konzentration aufwiesen. Am schlechtesten schnitten diejenigen ab, bei denen das Smartphone, Display nach oben, auf dem Tisch lag. Na, und spätestens da packt mich als Lehrer doch dieser unscheinbare Artikel. Da lasse ich also meine Schüler mit dem Smartphone fleißig QR-Codes scannen, lasse sie in Padlets und answergarden eintragen, nutze gemeinsam ein Etherpad, weise auf Google Drive/Docs/Präsentationen, Microsoft OneNote und Office 365 hin und ermutige sie so zur Nutzung digitaler Medien. Das Handy ist also aus dem Klassenraum nicht 100%ig wegzudenken. Ich muss also wieder neu über die Gestaltung der Unterrichtsumgebung nachdenken. Mit der gewählten Überschrift könnte man hier sagen: Auf die Dosierung des Poison kommt es an.

Ich folgere derzeit zweierlei für die Herausbildung von Medienkompetenz bei meinen Schülern und einen kleinen Bonus für mich selbst:

  1. In Phasen, wo das Smartphone in meinem Unterricht nicht benötigt wird, ist es in der Schultasche zu verstauen und hat nirgendwo anders etwas verloren.
  2. Ich werde mit meinen Schülern in der nächsten Stunde thematisieren, wie sie ihre Benachrichtigungseinstellungen auf ihren Smartphones eingestellt haben.
  3. Ich stelle die mich nervenden Benachrichtigungseinstellungen von Facebook, Twitter, XING, LinkedIn und WordPress ab.

Um einen Bogen zu schlagen: Mit dieser Bewusstmachung und einer gelungenen Erziehung und Bildung unserer Schüler lässt sich festhalten:

Ja, in der WELT habt ihr Angst, aber seid getrost, diese WELT habe ich überwunden.

Hier die Research-Aktivitäten Christian Montags.

Sein aktuelles Werk „Homo Digitalis“ scheint mir lesenswert. (Nein, ich bekomme hierfür kein Geld, sondern bin Idealist.)

Frank Schirrmacher (ehemals FAZ) hatte mit seinem Zaunpfahl von damals vielleicht ja auch ein wenig recht: Payback.

Und für meine Zielgruppe, die vermutlich noch mehr 80s ist als ihre Mediennutzung das vermuten lässt:

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