Noten vonnöten? – Historisch

Da kommt mir bei Twitter doch glatt jemand unter, der schreibt in seinem Blog:

Noten braucht kein Mensch!

Dieser Eintrag (Link: siehe Twitter-Post unten) vom 25.05.2016 ist natürlich – obschon einige Monate alt – keineswegs überholt, sondern, welcher Pädagoge hätte das gedacht, Teil einer jahrzehntelang schon währenden Debatte über Validität, Reliabilität und Objektivität von (Zeugnis-)Noten in der Schule, in in Rede stehendem Artikel fokussiert auf die berufliche Bildung.

Wie es sich mit allzu schlank formulierten Gewissheiten sehr häufig verhält, ist diese Eindeutigkeit natürlich hinterfragbar. Irgendjemand wird schon Noten brauchen, oder? Nur: Wer soll das sein? Und warum? Und gibt es einen besseren Weg? Müsste man gar diejenigen, die meinen, Noten weiterhin zu benötigen, noch davon überzeugen, dass Noten nicht vonnöten sind?

Dass diese Debatte hochgradig aktuell geblieben ist, zeigen die ausgetauschten Tweets (ein Auszug):

Antwortend:

https://twitter.com/m_stammeier/status/847709839895613440

Und „Post“ erhaltend:

Eine Reise durch die angeführten Argumente, so schwant mir, wird durch ein Gewirr von Meinungen und Fakten zu einem dezisionistischen Rest führen. Beide Seiten werden dabei in meinen Augen gute Argumente behalten.

Historisch

Entlassungszeugnis Volksschule 1923

Entlassungszeugnis Volksschule 1923

Aber langsam: Wieso dachten Menschen in Deutschland eigentlich, dass Noten überhaupt eine gute Idee wären?

Einem Wikipedia-Link folgend, liest man: Das erste in Deutschland nachweisbare Zensursystem mit zweimal im Jahr stattfindender Prüfung vor Pfarrer und Bürgermeister wurde in der sächsischen Schulordnung von 1530 definiert und die Leistungen mit „Semmeln“ entlohnt.

Interessanterweise lag das Interesse an den frühen „Schulnoten“ auf Benefizienzeugnissen, die sich weniger auf Kenntnisse als vielmehr auf Lebenswandel, Charakter, Fleiß und andere Tugenden bezogen, bei den „armen Schülern“, die ansonsten keinen Zugang zu höheren Schulen erhalten hätten. Es waren also die „Benachteiligten“, die sich eine Beurteilung ihrer Person wünschten, um Zugang zur weiteren Bildung zu erlangen.1 Im 17. Jahrhundert kommt zu der vorgenannten Motivation zum Erhalten eines Zeugnisses die Zulassungsfunktion zu Klosterschulen sowie die Berichtsfunktion an Schüler und Eltern hinzu. Begabung und Wissensstand werden ebenfalls dokumentiert.2 Die allgemeine Schulpflicht verhilft dem Zeugnis schließlich dazu, nicht mehr lediglich auf Antrag ausgestellt, sondern zum Regelfall zu werden. Ein frühes Beispiel dafür stellt erneut die Sächsische Schulordnung dar, diesmal aber diejenige aus dem Jahr 1773. Als Qualifikationsnachweis bzw. Zugangsvoraussetzung zu Studium oder Beruf wird das Zeugnis ebenfalls seit dem 18. Jahrhundert verwendet, allerdings nicht als jährliches Zeugnis, sondern als Abschlusszeugnis. Das Zeugnis wird über die Jahre zum bürokratischen Akt, welcher mehrerer Unterschriften bedarf.3 Sehr nah scheint man damals schon am Tweet-Austausch des heutigen Tages gewesen zu sein:

Eine eingehendere Diskussion um Schulzeugnisse setzt bald ein, bei der es um zahlreiche Fragen geht: „1) wie oft? zu welchen Zeiten sollen sie ertheilt werden, wöchentlich, monatlich, viertel- oder halbjährlich? 2) worüber sollen sie sich besonders aussprechen, d.h. welche Rubriken sollen sie enthalten? ferner sollen die gewählten Rubriken (etwa Betragen, Aufmerksamkeit, Fleiss, Fortschritte) allgemeingehalten oder nach den Unterrichtsobjecten unterschieden werden? 3) nach welchen Abstufungen sollen sie unterschieden, und sollen die Abstufungen durch Nummern (Zahlen) bezeichnet werden? 4) für wen sollen sie hauptsächlich ausgestellt werden? für Schüler, oder für die Eltern? welchen Werth haben sie für die Schüler, für die Eltern, für die Zucht überhaupt? 5) von wem, 6) wie sollen sie abgefasst werden? 7) wann, wie von wem sollen sie ausgetheilt und den Eltern zur Kenntnis gebracht werden?“4

Man debattiert diese Fragen bis heute.5

Als Zwischenfazit kann man sicher festhalten, dass ursprünglich ein Zeugnis zuvorderst von Schülern eingefordert wurde – ganz gleich wie inhaltlich ausgestaltet.

 

 

 

 

 

  1.  https://www.schulmuseum-ottweiler.net/index.php/magazin/geschichte-der-schulzeugnisse#Stelle1; Zugriff: 01.04.2017.
  2. https://www.schulmuseum-ottweiler.net/index.php/magazin/geschichte-der-schulzeugnisse#Stelle2; Zugriff: 01.04.2017.
  3. Ebenda.
  4. Ebenda.
  5. So nebenbei bemerkt taucht das Werk „Dohse, Walter: Das Schulzeugnis. Sein Wesen und seine Problematik, Weinheim 1963.“, welches ich bislang nicht gelesen habe, immer wieder auf.

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