Noten vonnöten? – Norm und Leistung

Da kommt mir bei Twitter doch glatt jemand unter, der schreibt in seinem Blog:

Noten braucht kein Mensch!

Und deshalb buchstabierte ich ja bereits für mich (und andere Interessierte) die historische Entwicklung der Schulnoten in Deutschland. Kurzabriß: Seit 1530 schon am Start, wandelte sich der Zweck schulischer Noten und eine Debatte über deren Ausgestaltung respektive auch deren Sinn stellte sich (immer mal wieder) ein.

Heute auch.

So forderte Marlis Tepe (GEW) jüngst, man solle Noten abschaffen, denn es sei

„wissenschaftlich bewiesen, dass Berichte besser seien“.1

Selbstverständlich gab es keinen wissenschaftlichen Artikel dazu, der zum einen belegen könnte, dass Frau Tepes Sicht nicht von Unvernunft getrieben ist, oder zum anderen kritisch dazu Stellung nähme, inwiefern sich ein „Fakt“ in unserer von Wissenschaft manchmal durchaus verblendeten Welt mit absoluter Sicherheit belegen lässt.2 Aber der Artikel ist nunmal in der „Welt“.

Interessante Randnotizen gibt es aber auch dort: ca. 75% der Deutschen wollen Noten! Haben sich diese etwa 75% der Deutschen in ihrer Schullaufbahn denn noch nicht genug durch Noten diskriminiert gefühlt? Sind es Bildungsverweigerer, wo doch „wissenschaftlich bewiesen“ ist, dass diese Menschen durch ihre Noten demotiviert sein müssen oder mussten? Wollen die denn nicht in vager Quantifizierbarkeit noch das letzte Bildungsbisschen aus sich herauskitzeln? Ist das letztlich deren Revanche am Raubtierkapitalismus, der sich nicht wie ehemals als warmer Mantel, sondern nun wie ein stahlhartes Gehäuse (nicht nur) über den Bildungsbetrieb in Deutschland legt? Und: Ohne nun alle mehr oder weniger guten Leserkommentare der konservativen Leserschaft des Springer-Blattes unter dem Artikel verdaut zu haben, scheint sich mir dieser Befund auch dort niederzuschlagen.

Die deutliche Mehrheit der Deutschen will also eine zahlenmäßige Leistungsmessung. In einer funktionierenden Demokratie erwartet man daher auch Schulnoten auf Zeugnissen. Erstaunlich eigentlich, dass dann zunehmend – scheinbar gegen die Befindlichkeiten von 75% der Deutschen – über eine Abkehr von dieser Beurteilung so intensiv debattiert wird.

Es sei eine kleine Brücke geschlagen mit dem Bauchgefühl des WELT-Lesers C.M.:

Schulnoten abschaffen? Warum nicht gleich die Schule abschaffen? Kommen diese Ideen zufällig von denen, die eh bedingungsloses Grundeinkommen einführen wollen? Bildung/Ausbildung ist ja dann eh überflüssig. Arzt wird dann halt wem der Kittel am besten steht oder wer gerne Arztserien im TV schaut. Das Wort Leistung streichen wir bei der Gelegenheit aus dem Wortschatz der Deutschen und stellen die Nutzung unter Strafe.

Man muss nicht alle Gedankenstränge in diesem Leserkommentar aufgreifen. Einer aber erscheint mir in dieser Debatte doch recht intuitiv: Der Leser bemerkt, dass es irgendwie um „Leistung“ geht. Und darüber schrieb doch auch schon der Pädagoge Heinrich Roth 1972:

Angemessene Verfahrensweisen zur Feststellung und Bewertung der Leistung und des Leistungspotentials sind eine der wichtigsten Vorraussetzungen [sic! M.S.] für den Erfolg jedes Schulsystems. Alle Bemühungen zur Verbesserung des didaktischen Vorgehens, der Schulorganisation, der sozialen Chancengleichheit und der individuellen Begabungsförderung werden in Frage gestellt, sofern es nicht gelingt, die Erfolge dieser Bemühungen objektiv, gültig und zuverlässig festzustellen, in einem vergleichbaren Maßstab mitzuteilen und pädagogisch zu bewerten.3

Wie Brunotte in seiner Arbeit im Jahr 2002 feststellt, hat sich bzgl. der Benotungsfrage ein Lagerdenken eingestellt, welches eine vernünftige Debatte immer wieder verhindert.4 Das ist schade, denn ich könnte mir eine Diskussion über diverse Details seiner Ausführungen durchaus fruchtbar vorstellen. So kam mir folgende Passage unter, die ich im folgenden zitiere:

SACHER hingegen sieht in der physikalischen Definition von Leistung eine mögliche Analogie zu einer Leistungsdefinition im pädagogischen Bereich. Physikalisch wird Leistung definiert als „… die pro Zeiteinheit vollbrachte Arbeit. Arbeit ist wiederum das Produkt aus der aufgewandten Kraft und dem Weg, in dessen Richtung diese Kraft wirkt.“ (SACHER 1996, 1). In Anlehnung an diese Definition schließt SACHER, dass „…wir Leistung im Humanbereich definieren [können] als die zur Erlangung eines Zieles aufgewandte und auf einen Gütemaßstab bezogene Anstrengung. Zu humaner Leistung gehört also a) Anstrengung, b) Zielgerichtetheit und c) ein Gütemaßstab.“ (SACHER 1996, 1). Diese recht allgemein gehaltene Definition von humaner Leistung macht deutlich, dass Leistung nicht als etwas naturgegebenes verstanden werden darf. Nicht jede Anstrengung, selbst wenn sie zielgerichtet ist, wird auch als Leistung angesehen. Es muss immer ein Gütemaßstab vorhanden sein, nach welchem beurteilt wird, ob es sich um eine Leistung handelt oder nicht. Hieraus lässt sich eine sehr wichtige Feststellung schließen: Leistung ist normorientiert. Leistung ist, was von der Gesellschaft als solche definiert wird. Somit ist auch verständlich, dass in verschiedenen Kulturen nicht dasselbe Verhalten als Leistung wertgeschätzt wird. Welche Inhalte genau Leistung im pädagogischen Sinne beinhalten soll, muss also im Konsens von der Gesellschaft akzeptiert werden und wird auch durch Veränderungen in der Gesellschaft beeinflusst.

Diese Normorientiertheit von Leistung zeigt sich auch darin, was zu verschiedenen Zeiten als Leistung in der Schule angesehen wurde. Einige Verhaltensmuster, die vor fünfzig oder hundert Jahren in der Schule als gute Leistung angesehen wurden, sind heute kaum noch von Bedeutung. Dafür sind in der heutigen Gesellschaft andere Verhaltensweisen wichtiger geworden und werden entsprechend als positive Leistung gewürdigt.5

Und hier sind wir an folgender Stelle angekommen. Erstens geht es hier um „Leistung“, wie der Leser mit seinem Kommentar in der WELT schon vermutete. Zweitens impliziert die Idee Sachers eine Abhängigkeit der „Leistung“ von einer „Norm“ oder einem „Gütemaßstab“. Drittens scheint mir genau darin der o.g. dezisionistische Rest zu liegen, ein Wert im Vorzimmer der Wissenschaft6. Und viertens verfolgen scheinbar ca. 75% der Deutschen einen bestimmten Wert, der eher in Schulnoten (Zahlen) als in Berichten zum Ausdruck kommt.

Mir drängt sich der Verdacht auf, dass das auf eine bestimmte Vokabel hinausläuft: „Verwertbarkeit“.

Spannend.

 

  1. Vgl. https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article162150045/Bildungsexperten-fordern-Abschaffung-der-Schulnoten.html#Comments, Zugriff: 01.04.2017.
  2. Eine freundliche Empfehlung an uns Zeitungsleser: Chalmers, A.F.: What is This Thing Called Science? St. Lucia 1999.
  3. Leider ist dies eine Tertiärquelle. Mit der Bitte um Verzeihung: Roth 1972, zitiert nach Brunotte, Oliver: Wege zur Verbesserung der Leistungsbeurteilung in der Schule, München 2002.
  4. Vgl. ebenda.
  5. Ebenda.
  6. Vgl. Dahrendorf, Ralf: Pfade aus Utopia, München 1967, S. 79.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.