Digitalisierungsbild

Schule und Digitalisierung – Infrastruktur

Digitalisierung in der Schule verkauft sich zur Zeit unter dem Schlagwort „Digitale Bildung“. In einem vorangegangenen Beitrag stellten wir fest, dass eine Bedingung der Möglichkeit von „digitaler Bildung“ die digitale Infrastruktur innerhalb der Schule ist. Wie aber ist es um diese bestellt?

Zunächst einmal: Dass LAN, WLAN und Projektoren ganz wichtig für eine Arbeit im Klassenzimmer ist, die man als irgendwie „digitale Bildung“ bezeichnen würde, scheint bei den meisten Bildungsforschern und Pädagogen unstrittig. So liest man bspw. auf der Seite des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V. folgendes:

Der Zugang zur Technologie ist der wesentliche Treiber für den Erwerb von Computer- und Informationskompetenzen.

Gleichzeitig wird auf OECD und ICILS-Studien hingewiesen. Gemeint ist die ICILS 2013, denn der Durchgang 2018 wird erst 2019 ins Reporting gehen, d.h. die neueren Daten liegen schlicht noch nicht vor. Auf Seite 59 der ICILS 2013 ist bemerkenswert, dass bzgl. der Internetverbindung und dem Zugang zu digitalen Lernmedien von zuhause aus in deutschen Planungen noch keine Rede war, während viele andere Staaten (bspw. Australien, Tschechien, Dänemark, Hongkong, Litauen etc.) dies bereits in ihre Planungen mit eingeschlossen hatten.

Tatsächlich hat eine Kollegin einer Schule in Schleswig-Holstein gerade vor kurzem eine Messung im schulischen WLAN mittels einer Smartphone-Applikation durchgeführt. Das Ergebnis: 2 Mbit/s. Der geneigte Leser beurteile selbst, wie flüssig bei einer Nutzeranzahl in die Hunderte bspw. ein YouTube-Lernvideo in dieser Schule noch laufen wird oder ob man sich als Lehrer auf ein derartiges System als „funktionierend“ verlassen möchte. Die gängige Lösung dürfte sein, sich das YouTube-Video in der Vorbereitungszeit für die Stunde herunterzuladen und dann vom USB-Stick vorzuführen. Begibt sich die Kollegin damit in die Gefahr, Urheberrecht und YouTube-Regeln zu verletzen? – Ja.

Auf dieser Website lesen wir:

Katrin Silbe, Diplom-Sozialarbeiterin und Bundesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung, stellt im Rahmen des Projekts „Schule im Jahr 2022“ des Vereins „Schulen ans Netz e .V.“ fest, dass, (sic!) zwar inzwischen alle Schulen am Netz sind, die Schülerinnen und Schüler sind es jedoch nicht. Jedenfalls nicht in einer Geschwindigkeit, die vernetztes Lernen erst praktikabel macht – und die für Menschen in Ballungsräumen seit Jahren selbstverständlich ist.“

Später auf der Website heißt es dann noch:

Die Politik hat die Brisanz der Thematik längst erkannt und daher die Breitbandinitiative ins Leben gerufen.

Grund für den zögerlichen Ausbau dürfte der nach Branchenverband BITKOM geschätzte Investitionsbedarf von 50 Mrd. Euro für einen flächendeckenden Breitbandausbau sein.

Eine gute Adresse, um die Ausstattung deutscher Schulen ans Licht zu bringen, dürfte auch die Bertelsmann-Stiftung sein, die im September 2017 ihre Veröffentlichung „Monitor Digitale Bildung – Die Schulen im digitalen Zeitalter“ publizierte. Ab Seite 43 lesen wir dort:

16 Prozent der Lehrer bewerten die technische Ausstattung zum digitalen Lernen an ihren Schulen als sehr gut und 38 Prozent als gut. Mit dem vorhandenen Support (12 Prozent), dem WLAN (8 Prozent) oder der Weiterbildung (5 Prozent) zeigen sich noch weniger Lehrkräfte rundum zufrieden. Am kritischsten betrachten Lehrer das schulische WLAN. Jeder Fünfte gibt an, dass an der eigenen Schule überhaupt kein WLAN vorhanden sei. Dort wo es WLAN gibt, beurteilen über die Hälfte der Lehrer dessen Qualität als eher negativ. In der Summe berichten also fast zwei Drittel der Lehrer in Deutschland von fehlendem oder mangelhaftem WLAN.

Wohlgemerkt: Das ist Stand September 2017, nicht ICILS 2013.

Das WLAN ist aber nicht unser einziges Sorgenkind, sondern nur der kleine Bruder der „unzuverlässigen Medientechnik“ und der „nicht ausreichend professionalisierten Betreuung der technischen Infrastruktur“. So liest man in der o.g. Bertelsmann-Studie auf Seite 44:

Dringender Handlungsbedarf bei IT-Management und Finanzierung

74 Prozent der deutschen Lehrer bemängeln die unzuverlässige Medientechnik an ihren Schulen. Hinzu kommt die nicht ausreichend professionalisierte Betreuung der technischen Infrastruktur. Sie wird von 62 Prozent der Lehrer und 73 Prozent der Schulleiter bemängelt (…). 74 Prozent der Schulleiter geben an, dass an ihrer Schule einzelne Lehrer damit beauftragt seien, die schulische IT zu betreuen.

Kurz und gut: Es hapert an der Ausstattung und Kollegen nehmen dies als Digitalisierungshindernis wahr. Das kann man bestreiten, doch dann liegt man nach den Erkenntnissen diverser Studien schlicht falsch. Auch der Spiegel verarbeitete schon – schön anschaulich – die o.g. Bertelsmann-Studie.

Konsequenterweise fordert die Bertelsmann-Studie auf Seite 48 dann auch:

Infrastruktur professionalisieren:
Technische Mindeststandards und IT-Fachkräfte an Schulen

Welchen konstruktiven Ausweg suchen Lehrer, die dennoch Innovation fördern wollen? Na, diesen, oder diesen, oder diesen. Man baut sich die Infrastruktur eben selbst. Dies ist noch der Status Quo. Allerdings kommt in den letzten Monaten Bewegung in diese Diskussion, was sehr zu begrüßen ist.

 

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